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Shobas Traum vom Leben im Slum

Discussion in 'Deutsch' started by mumbiene, Mar 15, 2009.

  1. mumbiene

    mumbiene Well-Known Member

    Ich habe einen sehr interessanten Artikel im Stern gefunden,
    leider beschreibt der Artikel ein Indien, das so Realität ist und wo die Gegensätze so krass sind.
    Ich weiß nicht wo ich ihn reinsetzen soll, da er komplett in deutsch ist und kein Thread dafür vorgesehen ist.

    Mumbai: Shobas Traum vom Leben im Slum

    © B.L. Soni
    Das Schlafzimmer von Shoba und ihrer Familie ist ausgelagert. Es ist der Mittelstreifen einer vierspurigen Straße
    [​IMG]
    Von Teja Fiedler, Mumbai

    Vom oscar-prämierten Film "Slumdog Millionär" hat Shoba noch nie gehört. Und davon, im Slum zu wohnen, träumt sie nur. Stattdessen lebt sie auf einem Bürgersteig im noblen Mumbaier Stadtteil Juhu - in direkter Nachbarschaft des glänzenden neuen Indiens, dass das Elend vor der Tür gerne verdrängt.

    Shoba nennt es trotzdem "Haus". Eines ohne Türen, ohne Dach, ohne Wände. Einfache fünf Quadratmeter Pflaster auf dem Bürgersteig der Guru Nanak Road in Mumbais Nobel-Viertel Juhu. Der Hausrat besteht aus drei, vier Blechschüsseln, einem Tiegel und zwei großen Plastikkanistern für Wasser, das sie aus einem Slum in der Nähe holt. 200 Rupien im Monat zahlt sie dafür bei dem Mann, der dort den Wasserhahn kontrolliert.

    Das Schlafzimmer ihres Hauses ist ausgelagert. Es ist der Mittelstreifen einer vierspurigen Straße. Dort haben Shoba und ihre Schicksalsgenossen die Erde zwischen den beiden gelb-schwarz gestrichenen Betonbegrenzungen abgetragen und in der etwa einen Meter breiten Rinne schlafen sie trotz des Verkehrs, der links und rechts an ihnen vorbeibraust. "Das ist sicherer als auf dem Pflaster. Das Betonmäuerchen schützt uns vor den Autos. Auf dem Pflaster wurden schon so viele Leute im Schlaf überfahren."

    Zum Wasserlassen in die Pinkelzone
    Gekocht wird über einem Holzfeuer auf dem Bürgersteig. Zum Pinkeln geht man in eine dafür vorgesehene Zone die Straße ein bisschen weiter nordwärts. Fürs große Geschäft gibt es den Schutz der Dunkelheit oder eine öffentliche Toilette im Slum, wo man allerdings lange ansteht.

    Jetzt lebt die zierliche Frau mit ihren beiden Söhnen, sechs und acht Jahre alt, die noch nie einen Tag in der Schule verbracht haben, 24 Stunden unter freiem Himmel. Während der Regenzeit von Juni bis September ist eine aufgespannte Plastikplane ihr Dach. "Die kriegen wir manchmal von reichen Leuten wie euch geschenkt."


    Shoba stammt aus einem Dorf im Hinterland von Mumbai, dessen Namen sie vergessen hat. Ihr Mann ist vor zwei Jahren nach einem Sturz von einem Gerüst gestorben. Seither verkauft sie Luftballons am Strand von Juhu. Am Tag bringt ihr das im Schnitt 30 bis 40 Rupien ein - also 50, 60 Cent. Damit kann man überleben, mehr nicht. Manchmal taucht die Polizei auf und verscheucht die Leute vom Pflaster. "Doch wir kommen immer wieder zurück." Shoba und die anderen fünfzehn Familien am Rand der Guru Nanak Road würden gern im Slum um die Ecke wohnen, in einer echten Hütte mit Wellblechdach und Wänden aus Sperrholz oder Sackleinen. Doch den Luxus können sie sich nicht leisten. Stattdessen ein Leben auf dem Bürgersteig, seit 20 Jahren.

    Ein Bollywoodstar hinter meterhohen Zäunen
    Nur 300 Meter weiter wohnt Amitabh Bachchan, wenn er nicht gerade in eine der beiden anderen Villen weilt, die er noch zusätzlich in Juhu besitzt. Der Bollywood-Superstar, in "Slumdog Millionär" als Ikone leicht satirisch gewürdigt, lebt hinter meterhohen Mauern, auf die noch einmal meterhohe, von Stacheldraht gekrönte Zäune gesetzt wurden. Vor dem riesigen, ebenfalls unüberwindbar wirkenden Tor, stehen zwei Wachmänner in tadellos gebügelten schwarzen Uniformen. Sie verdienen 3000 Rupien im Monat, etwa 45 Euro. Sie kommen aus dem armen Norden und fühlen sich geadelt, für eine Berühmtheit Wache zu stehen. Da hat es ihr Karma gut mit ihnen gemeint.

    Weiter oben auf der Hauptsraße ist die Straße ist seit Monaten aufgerissen, verrottende Abwasserrohre aus der Zeit der englischen Kolonialherren sollen erneuert werden. Barfüßige Frauen mit Goldschmuck im Nasenflügel tragen in flachen Gummikörben auf dem Kopf das Erdreich weg, das ihre Männer mit Spitzhacken ausgebuddelt haben. Ihre Kinder, rotznäsig, barfüßig, dünn, spielen am Rand der Ausschachtung mit Erdklumpen. Wenn die Männer sich auf die Zehenspitzen stellen würden, könnten sie die indische Fahne sehen, die über Bachchans Anwesen sieghaft flattert. Und Bachchan könnte von seiner Dachterrasse aus die Familien sehen, die da im Dreck schuften. Aber wieso sollte er nach unten schauen, wo er doch so weit oben ist?

    So sieht die Welt aus in Juhu, dem noblen Juhu. Gespalten. Falls man keine selektive Wahrnehmung hat. Doch Blindheit auf einem Auge ist ein chronisches Leiden der indischen Mittelschicht, die jetzt ein Film wie "Slumdog Millionär" in Aufregung versetzt, der zum Teil in Juhu gedreht wurde. Sie wollen mit aller Gewalt das neue Indien bewundern und von der Welt bewundert wissen. "Shining India", das leuchtende Indien. Das der funkelnden Limousinen, der Bollywood-Villen, der milliardenschweren Aufsteiger, der postmodernen Industriepaläste. Zu dem sie mit ihrem Kleinwagen, dem zwei Zimmer-Appartement und dem Job bei Infosys oder in einem Call Center zwar nicht unbedingt gehören, dem sie sich aber nahe fühlen. Vor dem anderen Indien, dem der Armut, Ungerechtigkeit und Benachteiligung, machen sie die Augen zu. Daran wollen sie nicht erinnert werden. Schon gar nicht von Ausländern. "Im heutigen Indien wird jede Erwähnung von Armut irgendwie als Verrat angesehen. Es existiert eine unausgesprochene Vereinbarung, über die Lebensbedingungen der Mehrheit in unseren Städten zu schweigen", schrieb jüngst der Kolumnist Santosh Desai in der "Times of India".

    "Entwicklungsland schmutzigem Unterleib"
    Zwar ist der Großteil der Inder jetzt stolz, dass ein Film über ihr Land - zwar von Engländern gedreht und produziert - jedoch unter maßgeblich indischer Mitwirkung, mit acht Oscars als bester Film des Jahres geadelt wurde. Aber musste er ausgerechnet und ausschließlich Indien als "Entwicklungsland der Dritten Welt mit schmutzigem Unterleib" zeigen, wie Bollywoodstar Amitabh Bachchan in seinem Blog befand? "Die gut gemachte Karikatur eines Landes", argwöhnte mit mehr Schaum vor dem Mund der Kolumnist Arindam Chaudhuri: "Jedes mögliche Stück Dreck von jeder Ecke wurde aufgehoben und aufeinander gehäuft zum Gegenangriff auf Indiens zunehmende Macht".

    Natürlich wird im Melodram "Slumdog Millionär" die Misere der Armen Indiens zugespitzt und verdichtet. Nicht jeder Slumbewohner durchlebt diese Häufung von Desaster, Gewalt und krummen Touren wie sie dem Haupthelden widerfährt und sich ihm unauslöschlich einprägt (was ihm dann ja ironischerweise Millionen Rupien und ein Happy End beschert.) Doch jede Station seiner "Slumdog" Biographie ist indische Realität.

    Die Polizei foltert und prügelt
    Es ist eine Tatsache, dass im Januar 1993 bei wochenlangen Pogromen in Mumbai an die tausend Muslime von Hindu-Fanatikern erschlagen oder lebendig verbrannt worden. Es ist allgemein bekannt, dass die Polizei prügelt und foltert. Dass Kinder aus den Armenvierteln bewusst verstümmelt werden, um als Bettler erbarmungswürdiger zu wirken. Dass junge Mädchen in den - offiziell verbotenen - Bordellen arbeiten, oft von ihren Eltern aus Not dorthin verkauft. Dass Jungs aus den Slums sich als Handlanger von Gangstern aus der Baumafia verdingen, die sich selbst die Hände nicht schmutzig machen und bestes Einvernehmen mit der Obrigkeit erkauft haben. Und gerade clevere Kinder aus den Shantie-Vierteln schlagen sich wie Slumdog Jamal und sein Bruder Salim mit Geschäftchen ganz außen am Rand der Legalität durch. Kurz: Sie klauen, schwindeln und bescheißen - man könnte das fortwährenden Mundraub nennen.


    "Slumdog Millionär" ist keine böse schillernde Karikatur. So sieht es lediglich das unterdrückte schlechte Gewissen der "comfortable class", der Leute denen es gut geht in Indien. Wer ganz unten ist, bleibt im wahren Leben meist auch dort. Es führt kein Weg vom Slumdog zum Millionär. Die authentischen Kinderstars aus Bandra sind wieder in ihre Wellblechhütten zurückgekehrt. Regisseur Danny Boyle hat immerhin einen Fond für sie eingerichtet, der den Lebensunterhalt ihrer Familien und ihre Ausbildung sichern soll. Und die Stadtverwaltung hat ihnen "freies Wohnen" in Ein-Zimmer-Apartments weit draußen am Stadtrand von Mumbai versprochen. Fast gleichzeitig kündigte sie aber an, die armselige Notunterkunft der Familie von Azharuddin, im Film der ältere Bruder des späteren Millionärs Jamal, abreißen zu wollen - ohne Ansehen der Person. "Sie scheint illegal errichtet zu sein."

    Shoba von der Guru Ganak Road wird wohl auch die nächsten 20 Jahre Luftballons verkaufen und auf dem Pflaster unter freiem Himmel leben. Ohne zu klagen, oft mit einem Lächeln und manchmal sogar einem Lachen. Ausgestattet mit dem unglaublichen Willen zur Selbstbehauptung, der Indiens Arme auszeichnet. Und wenn die Polizei sie aus ihrem Zuhause vertreibt, weil die Herrschaften hinter den hohen Mauern sich durch die Armut vor ihren Augen belästigt fühlen, wird sie am nächsten Tag zurückkehren. Nie aufgeben. So wie Jamal in Slumdog Millionär? Shoba schaut verduzt: "Slumdog Millionär? Noch nie gehört."
    http://www.stern.de/politik/ausland/:Mumbai-Shobas-Traum-Leben-Slum/657448.html
     
  2. Pedi

    Pedi Well-Known Member

    AW: Shobas Traum vom Leben im Slum

    Many thanks for the interesting article, Marlies
     
  3. Anjali72

    Anjali72 Thanx Shah Rukh!!!

    Thank you so much for that interesting article Dear Marlies!!!:thumb::)
     

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