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Bollywood umarmt Berlin Interview mit SRK

Discussion in 'Deutsches Forum' started by mumbiene, Dec 11, 2010.

  1. mumbiene

    mumbiene Well-Known Member

    Bollywood umarmt Berlin

    Shah Rukh Khan ist einer der größten Stars des Weltkinos. Jetzt dreht er in der deutschen Hauptstadt. Ein Besuch am Set.

    Last check! Action! Fireball! Es knallt, eine Flamme faucht in die Nacht. Die Kamera rollt auf einen Polizeiwagen zu, im zuckenden Blaulicht tauchen langsam der Schauspieler Florian Lukas und die schöne Inderin Priyanka Chopra aus der Deckung auf... Klappe. Wieder eine Szene abgedreht für Don 2, den neuen Action-Thriller aus der indischen Traumfabrik. Es ist der erste, der in der deutschen Hauptstadt spielt; zum nächtlichen Feuerball kommt es an der Messehalle 9 – sie spielt die Deutsche Zentralbank.
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    Bollywood meets Berlin: 44 Drehtage dauert die Romanze schon, die der Regisseur Farhan Akhtar angebahnt hat. Neben ihm im Schneeregen sitzt, von einem Assistenten beschirmt, der Hauptdarsteller: Shah Rukh Khan. In Indien hat er fast den Status einer Gottheit erreicht; von Indonesien über die Türkei bis nach Kenia ist er so berühmt wie Brad Pitt oder Tom Cruise im Westen. Inzwischen liegen ihm auch europäische Liebhaber bonbonbunter Filme zu Füßen. Deren Herzen hat Shah Rukh Khan schon vor zwei Jahren bei der Berlinale mit der Ankündigung zum Klopfen gebracht, hier wolle er mal arbeiten. Nun ist er da und wartet auf seinen Einsatz als Gangsterboss in der Fortsetzung von Don 1 .

    Dabei spielt »SRK«, wie die Fans ihn nennen, sogar eine Doppelrolle: Neben dem Don ist er auch ein neues Maskottchen für die Berliner Tourismusförderung. Mit so was hat ein Plakatkönig Erfahrung, der in Indien für 34 Unternehmen Reklame macht und sowohl über Mumbais Slums als auch über Rajasthans sandigen Straßen schwebt.

    Rund zwei Millionen Euro lässt es sich eine Interessenallianz aus der Hauptstadt kosten, dass bei den Verfolgungsjagden des Don der Gendarmenmarkt und das Brandenburger Tor im Bild sind. Ende 2011 wird Berlin dann auf den Leinwänden Tausender indischer Kinos zu sehen sein. Die Investition von Filmförderern und Stadtvermarktern lässt angeblich rund sieben Millionen Euro zurückfließen, die die Produzenten in Berlin ausgeben; in Zukunft sollen noch die Umsätze aus unzähligen Hotelbuchungen, Eintrittskarten und Souvenirkäufe hinzukommen. Denn Bollywood-Filme sind zwar zunächst nur mentale Traumreisen, doch wer es sich leisten kann in Asien, der reist gerne auch physisch dorthin, wo SRK schon war. Nach seiner Ankunft in Berlin ulkte der Superstar bereits: »Ihr werdet noch Probleme haben, all die Inder wieder loszuwerden!«

    Berlin sei ihm »eine zweite Heimat geworden«, sagt Khan charmant. Er wolle unbedingt wieder hier drehen, »aber dann im Sommer«. Andererseits: »Ich spüre die Wärme vieler deutscher Körper, da ich ständig umarmt werde.« Und Khan umarmt zurück. Schon morgens um fünf Uhr frieren seine Fans vor dem Hotel Mandala an der Potsdamer Straße. Sie kommen aus Moskau oder aus Tübingen, junge Inderinnen, die in Deutschland studieren, drängeln sich neben älteren Damen vom Bollywood Fan Club Cottbus. Auf geheimnisvollen Wegen kriegen sie trotz aller Abschottung heraus, wo gerade gedreht wird, und warten geduldig, bis sie mit ihm aufs Foto kommen.

    Kurz vor der Abreise empfängt Khan zum Interview. Entspannt sitzt er auf dem Sofa einer Hotelsuite. Er wirkt schmaler als der Don, fast zierlich, das Haar ist sehr schwarz und auf strubbelig gestylt. Schon schnappt er sich das Aufnahmegerät vom Tisch, wie zum Diktat.

    DIE ZEIT: Vor dem Hotel warten bereits Ihre Fans – geht es Ihnen nicht auf die Nerven, andauernd unter Beobachtung zu stehen?

    Shah Rukh Khan: Nein, ich fühle mich beschämt dadurch, dass die Fans draußen in der Kälte auf mich warten. Man hat nie genug davon, ein Star zu sein. Genug hat man eher davon, dass man gerne ein Star wäre, und es klappt nicht. Ich hatte Glück, bin ein Star geworden, von Gott beschenkt, das sollte ich nicht missachten. Ein paar Umarmungen sind nicht viel, um die Leute die Wärme spüren zu lassen, die ich von ihnen bekomme.

    ZEIT: Berlin ist zum ersten Mal Kulisse einer Bollywood-Produktion, aber Filme, die in London oder New York spielen, tragen schon lange den westlichen Lebensstil wohlhabender Mittelschichten in die indischen Dörfer. Beeinflussen sie die dortige Gesellschaft, nivellieren sie die Kulturen?


    Khan: Ich glaube nicht, dass das Kino die Art verändert, wie wir leben oder lieben. Gute Filme sind wie Bücher: Man nimmt Gefühle mit, gute Sätze. Außerdem: So weit sind die Kulturen in Ost und West nicht voneinander entfernt. Wenn ich einen Film wie Das Leben ist schön anschaue , muss ich nicht mal die Sprache kennen, um zu verstehen: Hier geht es um die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn. Genauso ist es für euch bei unseren Liebesfilmen: Zwei Seelen begegnen sich, man möchte vor Verliebtheit tanzen, das gibt’s überall auf der Welt. Wir drücken das halt etwas anders aus.

    ZEIT: In Bollywood-Filmen wird heute sogar eine Scheidung akzeptiert. Verändert das nicht Indiens strenge Vorstellungen von Ehe und Familie?


    Khan: Das ist ein Missverständnis. Vielleicht leben in Indien noch etwas mehr Menschen traditionell als hier. Aber tabu sind Scheidungen nicht.
     
  2. mumbiene

    mumbiene Well-Known Member

    AW: Bollywood umarmt Berlin Interview mit SRK

    ZEIT: Dazu könnte das Kino beigetragen haben.

    Khan: Ich sehe es genau andersherum: Das Kino ist der Spiegel. Die Veränderungen kommen mit der Zeit, weil wir in dieser Welt einander viel mehr ausgesetzt sind. Mein Sohn kann im Internet jeden Tag lesen, was in Deutschland oder China passiert. Dabei lernt man, seine eigene Lebensweise in anderem Licht zu sehen. Deshalb schauen immer mehr Deutsche Bollywood-Filme an – weil sie Indien besser kennen. Als ich klein war, brachte mein Vater mal stolz einen Plattenspieler mit nach Hause: Das ist deutsche Technologie! Mittlerweile haben wir auch in Indien mitgekriegt, dass Deutschland nicht nur aus Grundig, Mercedes, BMW und der Berliner Mauer besteht. Und das rührt nicht daher, dass wir Das Leben der Anderen gesehen haben oder einen dieser klischeebefrachteten Kriegsfilme.

    ZEIT: Hierzulande wird aber gerade eher über kulturelle Unterschiede debattiert. Die Bundeskanzlerin hat jüngst erklärt, »Multikulti« sei gescheitert.

    Khan: Das ist mir entgangen, aber was heißt kulturelle Unterschiede? Die habe ich auch zu Hause. Ich gehe spät ins Bett, meine Frau lieber früh. Einer meiner Kameramänner, ein Italiener, ist mit einer Japanerin verheiratet, und ich frage die beiden immer: Was esst ihr, Sushi mit Pasta? Humor ist sowieso die beste Art, mit Unterschieden umzugehen.

    ZEIT: Im Ernst geht es bei der Debatte um Integrationsprobleme, soziale und religiöse Differenzen, auch zwischen Christen und Muslimen.

    Khan: Zum Zusammenleben gibt es keine Alternative. Man kann sich nicht von den anderen abgrenzen, wo soll das enden? Am Anfang stehen Religion und Hautfarbe, und was kommt dann: die Größe, das Gewicht, das intellektuelle Niveau? Wären wir alle gleich, wäre das total langweilig, und die Gesellschaft stagnierte. Die Existenz eines Landes wie Indiens beweist, dass es geht – wir empfinden ein Gefühl der Einheit in unserer großen Vielfalt.

    ZEIT: Aber es hat in Indien immer wieder Gewalt zwischen Hindus und Muslimen gegeben.

    Khan: Sie wird gezielt geschürt, weil manche Politiker mit Vorurteilen spekulieren, und die Medien blasen das auf. Die meisten Menschen kommen miteinander klar. Und denken Sie an »26/11«...

    ZEIT: ...die Bombenanschläge auf Hotels in Mumbai im November 2008.

    Khan: Viele Menschen wurden erschossen, eine tragische Geschichte. Die Attentäter waren Muslime. Aber sofort nach dem Anschlag sagten und schrieben Hindus und Muslime überall im Land: Lasst uns jetzt bloß nicht behaupten, dass die Gewalt religiös motiviert war! Es war Terrorismus, und der ist selbst ein religiöses System. Auch die Spannungen zwischen Amerika und »den Muslimen« haben andere Ursachen.

    ZEIT: Vorurteile waren auch das Thema Ihres letzten Films, My Name Is Khan, über einen muslimischen Autisten, der in Amerika lebt. Spielen Sie so einen liebenswürdigen Typen eigentlich lieber als den Bösewicht wie in Don 2?

    Khan: Mal dies, mal jenes, deshalb ist es schade, dass wir nie spontan entscheiden können. Schauspielerei bedeutet, sich in einen Geisteszustand hineinzuversetzen, aber die Projekte muss man schon ein Jahr vorher zusagen. Nach My Name is Khan hatte ich tatsächlich erst mal genug vom Nettsein, da wollte ich gern rumballern . Aber vorher galt es noch, in Ra 1 eine Art indischen Superman für meine Kinder zu spielen. Ich bin gerade 45 Jahre alt geworden und habe mir gedacht: Jetzt gib mal lieber schnell den Helden, ehe du alt wirst und nicht mehr an der Decke kleben und in der Luft herumfliegen kannst.

    ZEIT: Und was kommt nach Don 2?

    Khan: Ich möchte einen Film über die Sprache machen, wegen unseres starken Wirtschaftswachstums ist das ein großes Thema. Ist es so schlimm, wenn man nicht gut Englisch kann? Hat man dann kein Recht auf Erfolg? Es soll aber ein süßer, komischer Film werden, der den jungen Leuten vermitteln: Hauptsache, ihr lernt etwas.

    ZEIT: Haben Bollywood-Filme jetzt immer eine Botschaft?

    Khan: Nein, nein, ich kann Ihnen versichern: Don 2 hat wirklich keine Message. Da geht’s nur darum, schöne Mädchen zu lieben, schnelle Autos zu fahren und viel zu trinken.

    ZEIT: Aber Aamir Khan hat in Rang De Basanti die Korruption angeprangert, Taare Zameen Par weckt Verständnis für Legastheniker, und Ihr Film My Name is Khan ist ein Plädoyer für Toleranz...

    Khan: Okay, Aamir Khan war ziemlich direkt mit seinen Appellen. Aber eigentlich glaube ich, Filme zu machen ist, wie Kindern eine Gutenachtgeschichte zu erzählen. Natürlich steht auch bei Rotkäppchen oder Hänsel und Gretel ein Gedanke dahinter: Liebe Kinder, haut nicht einfach von zu Hause ab, und gehorcht euren Eltern, damit ihr nicht verhext werdet. Aber erst mal muss die Geschichte spannend sein. Auch bei meinen Filmen ist gute Unterhaltung das Allerwichtigste. Umso besser, wenn es eine innere Klammer gibt und man das Kino mit ein bisschen mehr verlässt als einer leeren Popcorntüte. Nehmen Sie Om Shanti Om ...

    ZEIT: ...ein Film über die Wiedergeburt.

    Khan: Wunderbar ausgeflippt, ein Spaß mit Singen und Tanzen. Aber zugleich hallt der schöne Gedanke nach: Wenn du etwas wirklich willst, dann wird sich das ganze Universum verschwören, damit du es auch bekommst. Solange du glaubst, alles wird gut enden, und es geht doch nicht gut aus, ist es noch nicht das Ende. Selbst nach dem Tod hast du noch eine Chance. So mag ich meine Filme.
     
  3. mumbiene

    mumbiene Well-Known Member

    AW: Bollywood umarmt Berlin Interview mit SRK

    ZEIT: Zurück zur Schauspielerei: Wie geraten Sie denn in den jeweils geforderten Geisteszustand? Suchen Sie in sich selber nach Gefühlen und Gesten, oder zehren Sie von äußeren Einflüssen?

    Khan: Schön, dass mal einer nach meiner Arbeit fragt! Ich mache beides: Ich beobachte Leute, lerne von Büchern, Filmen, Spaziergängen, Gesprächen, einem Gesichtsausdruck. All das merke ich mir und nutze es irgendwann, und manchmal mixe ich es mit Erfahrungen aus meinem eigenen Leben.

    ZEIT: Auch beim Don, dem Gangster?

    Khan: Wenn ich so einen miesen Typen spiele, macht es mir Spaß, mich zum Beispiel in Rasputin hineinzuversetzen, ich habe einige Bücher über ihn gelesen. Oder ich erinnere mich an Sachen, die ich früher in Beziehungen gemacht habe, vielleicht mit 16 Jahren. Wenn wir verliebt sind, genießen wir es doch manchmal, ein Mädchen mit fiesen Worten zu verletzen. Einfach so. Damit stellen wir sie auf die Probe: Liebst du mich wirklich? Wenn du mich liebst, warum hast du dann nicht angerufen? Miststück! Heute frage ich mich: Wie konntest du nur?! So sind wir Männer, immer auf Anerkennung aus. Aber gemein kann jeder sein.

    ZEIT: Sind Sie überrascht, was da in Ihnen steckt?

    Khan: Manchmal. Meine Tochter ist schon mal aus dem Zimmer gerannt, als sie mich im Film als Bösewicht sah. Schauspieler zu sein bedeutet nicht, sich Gesichter zuzulegen, sondern die Maske abzulegen, sich nackt zu zeigen. Manchmal habe ich Angst, dass ich eines Morgens wach werde, und es gibt kein Gesicht mehr, hinter dem noch ein anderes steckt. Dass ihr alles gesehen habt – und das war’s.

    http://www.zeit.de/2010/49/Shah-Rukh-Khan?page=1
     

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